Sojaanbau in Südamerika

Wie der Urwald für deutsches Fleisch gerodet wird
In Südamerika werden Tausende Hektar Urwald gerodet, ein einzigartiges Ökosystem ist bedroht. Unternehmen schaffen dort riesige Flächen für den Anbau von Sojabohnen - vor allem für deutsche Fleischproduzenten. Von Nicolai Kwasniewski.

Riesige Rechtecke, wie eingestanzt in den Urwald des Gran Chaco, so weit das Auge reicht. Einige der gerodeten Flächen rauchen noch, Planierraupen schieben schwelende Baumstümpfe zusammen. Wie offene Wunden sehen die künftigen Plantagen aus, befreit von Bäumen, von Gürteltieren und Wildschweinen. Vorbereitet für den Anbau von Sojabohnen in gigantischen Monokulturen.

Es sind bedrückende Aufnahmen, die die US-Umweltschutzorganisation Mighty Earth mithilfe von Drohnen gemacht hat. Die Organisation hat Satellitenaufnahmen ausgewertet und ein Team nach Südamerika geschickt, um die Zerstörungen an 20 besonders betroffenen Standorten in der Region zu dokumentieren. Die Wälder und Savannen der Region Gran Chaco, nach dem Amazonas das zweitgrößte Ökosystem des Kontinents, erstrecken sich über den Norden Argentiniens, den Westen Paraguays und den Südosten Boliviens.

In den vergangenen Jahren sind Maschinen immer weiter in die Region vorgedrungen: Baumfällmaschinen, Frontlader, Planierraupen. Wohl auch für US-Großkonzerne werden hier Flächen geschaffen, um auf riesigen Feldern Soja anzubauen. In keinem anderen Gebiet weltweit geht die Umwandlung von Wald in Äcker rasanter voran als hier.

Südamerikanisches Soja für deutsches Fleisch
Weil das raue Klima des Chaco nicht optimal ist für den Anbau von Monokulturen, pflanzen die Bauern hier vor allem gentechnisch veränderte Sojabohnen. Die widerstehen nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Agrarchemikalien wie Glyphosat, die hier im großen Stil eingesetzt werden und die Grundwasser, Seen und Flüsse vergiften. Die Sojaernte landet zum größten Teil in Deutschland, als Futter für die Tiermast.

Wer in deutschen Supermärkten Fleisch kauft, bekommt zwar in der Regel ein heimisches Produkt. Die Folgen der billigen Produktion sind allerdings auch in weit entfernten Ländern spürbar. Geschädigt werden nicht nur Tiere und Pflanzen, wie der Mighty-Earth-Report zeigt, sondern auch die Menschen. Das Gift im Wasser macht vor allem die Kinder krank. Die Zahl der Neugeborenen mit Geburtsfehlern steigt ebenso wie die Krebsrate und die Zahl der Atemwegserkrankungen. Immer wieder müssen Dörfer der Ureinwohner den Plantagen weichen - häufig werden die Menschen mit Gewalt vertrieben. Es sind erschütternde Berichte, die Mighty Earth zusammengetragen hat.

Vieles davon ist bekannt, aber noch nie war es so gut dokumentiert wie in dem aktuellen Bericht - und nie gab es so einen klaren Zusammenhang mit den deutschen Sojaimporten.

Züchter und Mäster haben Deutschland zum größten Sojaimporteur Europas gemacht, im Jahr 2016 lagen die Einfuhren bei 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen und 2,8 Millionen Tonnen Sojaschrot. Den weitaus größten Teil der Lieferungen beziehen die deutschen Importeure aus Südamerika - und sie nehmen nach Recherchen von Mighty Earth auch den Löwenanteil jenes Sojas ab, für die in Argentinien und Paraguay der Gran Chaco gerodet wird.

Entwaldung für deutsches Tierfutter
Diese Untersuchung von Lieferketten ist immer mühsam; kaum einer der Beteiligten möchte reden, Besitzverhältnisse von örtlichen Unternehmen oder Lagerstätten sind meist unklar. Die Großkonzerne, die das Soja weltweit kaufen und verkaufen, haben keine direkten Mitarbeiter in den entlegenen Regionen Südamerikas, Bauern oder Arbeiter sind nicht bei ihnen angestellt. Allerdings sammelten die Rechercheure vor Ort eine Kette von Indizien.

Händler, die nicht wissen wollen, woher ihre Ware kommt
Wer sich auf die Spur von Agrarrohstoffen wie Soja, Palmöl, Kakao oder Getreide begibt, gerät immer an dieselben Akteure; der weltweite Agrarhandel liegt im Wesentlichen in der Hand von nur fünf Unternehmen:

  • Archer Daniels Midland (ADM)

  • Bunge

  • Cargill

  • Louis Dreyfus

  • Wilmar

Soja

Soja-Anbau

Soja-Anbau

Weil das raue Klima des Chaco nicht optimal ist für den Anbau von Monokulturen, pflanzen die Bauern hier vor allem gentechnisch veränderte Sojabohnen. Die widerstehen nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Agrarchemikalien wie Glyphosat, die hier im großen Stil eingesetzt werden und die Grundwasser, Seen und Flüsse vergiften. Die Sojaernte landet zum größten Teil in Deutschland, als Futter für die Tiermast.

Wer in deutschen Supermärkten Fleisch kauft, bekommt zwar in der Regel ein heimisches Produkt. Die Folgen der billigen Produktion sind allerdings auch in weit entfernten Ländern spürbar.

Sie sind weit mehr als reine Händler: Sie unterstützen Plantagenbesitzer mit Geld, Düngemittel oder Agrarchemikalien. Die Verbindung solcher Konzerne zu den Rodungen im Gran Chaco: Das Soja, das auf den frisch entwaldeten Flächen wächst, muss per Schiff außer Landes gebracht werden. Die Bauern vor Ort berichteten, dass fast die gesamte Ernte über die Flusshäfen der argentinischen Städte Rosario und San Lorenzo verschifft wird.

Mittelsmänner transportieren das Soja zu diesen Hafenstädten, von ihnen haben die Mighty-Earth-Mitarbeiter erfahren, wer angeblich den Hauptteil Lieferungen aufkauft: Es sind die Firmen Bunge und Cargill, zwei Giganten mit zusammen mehr als 180.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar. Sie unterhalten Silos und andere Hafeneinrichtungen in Rosario und San Lorenzo - fast das gesamte direkt von Argentinien nach Deutschland importierte Soja kommt aus diesen Häfen.

Wer die Eigentümer der gigantischen Sojaplantagen sind, ist dagegen unklar, die Rechercheure trafen vor Ort keinen der Besitzer an. Die meisten Farmen gehören demnach ausländischen Konzernen oder Firmen mit Sitz in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

Mit den Recherchen konfrontiert, teilte Bunge mit, das Unternehmen habe keine Aufzeichnungen über Ankäufe bei den von Mighty Earth befragten Landwirten. Cargill antwortete, es sei unwahrscheinlich, dass seine Silos von den von der Organisation besuchten Orten beliefert würden, weil die Verarbeitungsanlagen nicht in der Nähe lägen. Beide Firmen haben sich öffentlich zu "Null-Entwaldung" in ihren Lieferketten verpflichtet, auf die Frage nach der Rückverfolgbarkeit gaben aber weder Cargill noch Bunge Antworten, die erkennen ließen, dass sie über vollständige Informationen über Standorte und Herkunft des Sojas in ihrer Lieferkette verfügten. Dazu sind sie aber auch nicht verpflichtet.

Druck zeigt in Brasilien Wirkung
Einen zaghaften Schritt haben mehr als dreißig deutsche Händler, Futterhersteller und Fleischproduzenten bereits unternommen: Gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband und der Bundesregierung veröffentlichten sie im vergangenen Herbst ein Positionspapier. Darin verpflichteten sie sich zu nachhaltiger Fütterung - und damit auch zu umweltschonend angebautem Soja.

Der Haken: Weder verpflichteten sich die Unternehmen auf einen gemeinsamen Standard, noch implementierten sie eine echte Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette.

Dabei gibt es im brasilianischen Amazonasgebiet bereits ein Vorbild, dort ist eine funktionierende Waldüberwachung installiert. Die Ausweitung auf die anderen Soja produzierenden Regionen Lateinamerikas, einschließlich des Gran Chaco, würde laut Mighty Earth weniger als eine Million Dollar kosten.

Im brasilianischen Amazonasgebiet zeigte der Druck Wirkung: Es waren auch die Kunden in Deutschland, die die großen Agrarhandelsunternehmen dazu brachten, keine Rohstoffe mehr von Farmern zu kaufen, die an Abholzung beteiligt sind. Der Erfolg war groß, die Rodung von Flächen für den Sojaanbau stoppt fast vollständig. Nur die zwei Branchenriesen Bunge und Cargill machten weiter: Sie erkundeten weitere unberührte Waldgebiete, im brasilianischen Cerrado, im bolivianischen Amazonasgebiet und eben im Gran Chaco in Argentinien und Paraguay.

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